Arbeitssucht: Massenphänomen oder Psychoexotik?
Der Psychologe Dr. Stefan Poppelreuter hat die Drehbuchautorin und Regisseurin Franziska Stünkel bei ihrer Arbeit am Kinofilm VINETA beraten. Dr. Stefan Poppelreuter arbeitet am Psychologischen Institut der Universität Bonn, Abteilung für Wirtschafts- und Organisationspsychologie. Über das Fachgebiet ‚Arbeitssucht’ hat er mehrere Publikationen veröffentlicht
„Die Auswirkungen, die die Sucht nach Arbeit, die Sucht nach der Umsetzung seiner kreativen Visionen, auf den Stararchitekten Sebastian Färber hat, sind gerade im Bereich der kreativen Berufe nicht außergewöhnlich. Hohe Erwartungen an den Beruf und die Möglichkeit sich durch eigene Visionen von den beruflichen Mitstreitern abzuheben, erzeugen bei dafür anfälligen Menschen einen derart großen Druck, dass der Einsatz für den Beruf, die Arbeit das ganze Leben bestimmt. Die sozialen Kontakte werden nicht mehr gehalten, Beziehung, Familie und Freunde treten hinter die Erfüllung der Vision Arbeit zurück. Das führt sehr häufig zu erheblichen gesundheitlichen Risiken, die Folge können stressbedingte Herzkrankheiten und manische Depressionen sein. Für die Betroffenen ist es oft sehr schwer aus dem Kreislauf von immer mehr Arbeit heraus zu kommen.“
Arbeitssucht: Massenphänomen oder Psychoexotik?
Stefan Poppelreuter
Von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher behauptete man, er sei einer gewesen. Phil Collins, weltbekannter Popmusiker, sagt von sich: "Ich bin einer!" Und viele Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung reden und leben so, als wären sie gerne einer: ein Workaholic - ein Arbeitssüchtiger. Das Phänomen der Arbeitssucht, das gerne als Produkt unserer leistungsorientierten Industriegesellschaft gesehen wird, wird von manchen belächelt und von anderen als bedrohliches Massenphänomen gesehen. Jüngste Forschungsergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass es kaum erstrebenswert ist, arbeitssüchtig zu werden. Die Auswirkungen süchtigen Arbeitens sind vielschichtig und verheerend - nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für sein näheres und weiteres Umfeld, und nicht zuletzt wohl auch für die Gesellschaft insgesamt.
(…) Und in der Tat besteht heute - zumindest in den westlichen Industrienationen - Einigkeit darüber, dass die Arbeit ein, vielleicht das zentrale den Menschen kennzeichnende Merkmal ist. Wenn man auf einer Party neue Leute kennen lernt und diese bittet, etwas über sich selbst zu sagen, so wird in der Regel der Name, vielleicht das Alter, dann aber sehr bald auch der Beruf genannt. Das, was wir tun, unsere Arbeit, trägt maßgeblich zu unserer Identität, zu dem, was wir sind, bei. (…)
Bei so vielen positiven Effekten der Arbeit wird gerne verkannt (oder verdrängt), dass die Arbeit auch negative Folgen nach sich ziehen kann. (…). Stress, Herzinfarkte und Suchtprobleme werden als mögliche Folgen unbefriedigender Arbeitssituationen diskutiert, aber die Annahme, dass ein Zuviel an Arbeit, eine eindimensionale Ausrichtung des Lebens auf die Arbeit, ebenfalls nachteilige Konsequenzen für den Einzelnen, aber auch sein Umfeld und die gesamte Gesellschaft haben kann, wird häufig als prinzipieller Angriff auf grundlegende Norm- und Wertvorstellungen unseres Gesellschaftssystems missverstanden und daher abgelehnt. Die Arbeit als unverzichtbares Fundament für menschliches Wohlbefinden, für Wohlstand und Konsum erscheint unantastbar. (…) Anders gesagt, wir sind abhängig geworden von der Arbeit, als Gesamtgesellschaft, aber auch als einzelnes Individuum.
Aus Politik und Zeitgeschichte (B1-2/2004)